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Harburg Geschichte: Von der Sumpfburg zum Hafenquartier

Mehr als 700 Jahre Stadt am Südufer der Elbe, von der Horeburg über die welfische Residenz und die preußische Industriestadt bis zum Wissens- und Hafenquartier am Channel Hamburg.

Von Petra Baumann | 19. Juni 2026
Harburg Geschichte: Von der Sumpfburg zum Hafenquartier © Foto: Pauli-Pirat / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Das Harburger Schloss im Binnenhafen: einst Grenzburg und welfische Residenz, heute kultureller Ort im neuen Hafenquartier.

Wer heute durch den Harburger Binnenhafen schlendert, blickt auf gläserne Bürohäuser hinter alten Speicherfassaden, auf Yachten im Lotsekanal und auf das wassergefasste Schloss. Kaum etwas erinnert daran, dass hier einmal eine Sumpfburg an der Grenze zweier Reiche stand und später eine der dreckigsten Industriestädte Norddeutschlands rauchte.

Harburg ist erst seit 1937 ein Teil Hamburgs. Davor war es jahrhundertelang eigenständig: welfische Residenz, Festung, preußische Industriestadt. Diese Chronik führt von der Horeburg des frühen Mittelalters bis zum Wissenschafts- und Hafenquartier von heute.

Was dich erwartet

Die Horeburg: Eine Sumpfburg an der Süderelbe

Am Anfang stand keine Stadt, sondern eine Wehranlage im Sumpf. Auf einer Geestkuppe am Südufer der Süderelbe entstand vermutlich um das Jahr 1100 eine Burg, die zwischen 1133 und 1137 erstmals urkundlich als Horeburg fasslich wird. Der Name bedeutet so viel wie Sumpf- oder Morastburg und beschreibt die Lage im Marschland ziemlich genau.1

Die Burg lag an einer empfindlichen Grenze. Hier stießen die Interessen der Grafen von Stade, des Erzbistums Bremen und später des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg aufeinander. Unterhalb der Burg wuchs entlang eines Deichs, der dem Verlauf der heutigen Harburger Schloßstraße entspricht, eine kleine Siedlung aus Burgmannen, Handwerkern und Dienstleuten.2

1297: Harburg wird Stadt

Den Aufstieg zur Stadt verdankt Harburg dem welfischen Landesherrn. Am 6. Mai 1288 verlieh König Rudolf von Habsburg der Siedlung Freiheitsrechte, Anlass war die Hochzeit seiner Enkelin Mechthild mit Herzog Otto II. von Braunschweig-Lüneburg. Wenige Jahre später, im Jahr 1297, erhielt Harburg von Herzog Otto das Stadtrecht nach dem Vorbild Lüneburgs.3

Lüneburger Recht

Dass Harburg sein Stadtrecht nach Lüneburger Muster bekam, war kein Zufall. Lüneburg war das wirtschaftliche Zentrum des welfischen Fürstentums, getragen vom Salzhandel. Harburg sollte als Brückenkopf am Südufer der Elbe den Weg nach Hamburg sichern, das damals noch eine kleine, aber aufstrebende Handelsstadt am Nordufer war.

Welfische Residenz: Vom Wehrbau zum Schloss

Im 16. Jahrhundert wandelte sich die Burg zum repräsentativen Wohnsitz. 1527 heiratete Otto I. zu Braunschweig und Lüneburg Meta von Campe und begründete eine eigene Linie, das Fürstentum Lüneburg-Harburg. Damit wurde die Stadt für rund hundert Jahre zur Residenz einer welfischen Nebenlinie.4

Unter dieser Herrschaft entstand bis 1620/1621 ein Renaissanceschloss mit drei Flügeln. Die kleine Residenzstadt blieb dennoch überschaubar. Als die Harburger Linie 1642 im Mannesstamm ausstarb, fiel das Fürstentum an das Haus Celle-Lüneburg zurück.5

Festungsstadt im Dreißigjährigen Krieg

Die Lage an der Elbe machte Harburg militärisch wertvoll und damit gefährdet. Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) wurde das Schloss ab 1644 zu einer modernen Festung nach niederländischem Vorbild ausgebaut, mit Wällen, Gräben und Bastionen auf annähernd fünfeckigem Grundriss. Beim Festungsbau wurde die alte Altstadt abgerissen und südlich des Schlosses neu angelegt.6

Im weiteren Verlauf wechselten die Herren mehrfach. 1705 kam Harburg an das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (Hannover). Im Siebenjährigen Krieg wurde die Festung 1757 von französischen Truppen eingenommen und später zurückerobert. In den napoleonischen Jahren 1813/1814 ließ Marschall Davout die Stadt besetzen und über die Elbinseln nach Hamburg eine Holzbrücke schlagen, ein erster fester Übergang über den Strom.7

1866: Harburg wird preußisch

Nach dem Deutschen Krieg 1866 verlor das Königreich Hannover seine Selbstständigkeit und wurde von Preußen annektiert. Harburg gehörte nun zur preußischen Provinz Hannover und zur Landdrostei Lüneburg. Für die Stadt begann damit ihre wirtschaftlich entscheidende Phase, denn Preußen band Harburg konsequent an Schienen und Wasserwege an.8

Schon 1847 hatte Harburg mit der Strecke nach Celle einen Eisenbahnanschluss bekommen, 1854 trat die Stadt dem Deutschen Zollverein bei. Zwischen 1845 und 1849 wurde der Hafen zum Seeschiffhafen ausgebaut. 1872 entstand die erste Eisenbahnbrücke über die Elbe, 1899 eröffnete Kaiser Wilhelm II. die Harburger Straßenbrücke. Damit war Harburg fest mit dem Verkehrsnetz und mit Hamburg verbunden.9

Gummi, Öl und Jute: Die Industriestadt

Mit Hafen und Bahn kam die Industrie, und sie kam massiv. Harburg wurde zu einem der wichtigsten Industriestandorte Norddeutschlands, geprägt von schmutzigen, aber lukrativen Branchen wie Kautschuk, Ölmühlen, Jute und Holzverarbeitung.

1854 verlegte der Hamburger Fabrikant Heinrich Christian Meyer seine Produktion nach Harburg. 1856 entstand die Harburger Gummi-Kamm-Compagnie, aus der die Phoenix-Werke hervorgingen, einer der bekanntesten Namen der Stadt:

Aus Kämmen und Knöpfen wurde Weltmarkt: Harburger Gummi rollte später als Reifen und Förderband um den Globus.
Zur Geschichte der Phoenix-Werke in Harburg

Die Phoenix AG entwickelte sich zum großen Arbeitgeber und produzierte später Reifen, technische Gummiwaren und Förderbänder. Daneben siedelten sich Ölmühlen, Jutespinnereien, eine Wollkämmerei und Werften an. Um 1908 zählte man in Harburg über siebzig Fabriken und Werften, und die Bevölkerung wuchs rasant.10

Sieben Industriezweige, die Harburg prägten

Die Harburger Wirtschaft ruhte um 1900 auf einer breiten, oft geruchsintensiven Basis:

  1. Kautschuk und Gummi (Phoenix)
  2. Ölmühlen und Fettverarbeitung
  3. Jutespinnerei und -weberei
  4. Wollkämmerei
  5. Holz- und Sägeindustrie
  6. Schiffbau und Werften
  7. Metall- und Maschinenbau

Sichtbares Zeichen des Wohlstands war das repräsentative Rathaus, das zwischen 1889 und 1892 entstand. 1926 eröffnete der Harburger Stadtpark mit der Außenmühle, einem aufgestauten Mühlteich, der bis heute beliebtes Naherholungsgebiet ist. Mehr zu diesen Orten findest du in unserer Übersicht der Sehenswürdigkeiten in Harburg.

1927: Harburg-Wilhelmsburg, eine Großstadt entsteht

Die beiden Industriestädte am Südufer wuchsen zusammen. 1925 war Wilhelmsburg zu einem eigenständigen Stadtkreis aufgestiegen, 1927 schlossen sich Harburg und Wilhelmsburg zur Stadt Harburg-Wilhelmsburg zusammen. Mit über 110.000 Einwohnern war sie auf einen Schlag eine norddeutsche Großstadt, immer noch preußisch und immer noch eigenständig gegenüber dem benachbarten Hamburg.11

Diese Eigenständigkeit hatte einen langen Atem. Über Jahrhunderte hatten Harburger ihre Stadt als Gegengewicht zum mächtigen Hamburg verstanden, getrennt durch den breiten Strom der Elbe. Noch heute prägt dieses Selbstverständnis den Bezirk südlich des Wassers, wie unser Überblick über die Stadtteile von Harburg zeigt.

1937: Das Groß-Hamburg-Gesetz

Das Ende der Selbstständigkeit kam durch ein Gesetz. Am 26. Januar 1937 verabschiedeten die Nationalsozialisten das Groß-Hamburg-Gesetz, das die Stadtgrenzen Hamburgs neu zog. Preußische Städte und Gemeinden wie Altona, Wandsbek und eben Harburg-Wilhelmsburg wurden Hamburg zugeschlagen.12

Wirksam wurde die Eingemeindung zum 1. April 1937, die endgültige Eingliederung mit dem Groß-Hamburg-Gesetz und seinen Folgeregelungen vollzog sich bis 1938. Aus der preußischen Großstadt Harburg-Wilhelmsburg wurde ein Hamburger Stadtgebiet südlich der Elbe. Die Geschichte Harburgs als eigenständige Kommune endete nach mehr als sechs Jahrhunderten.

Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau

Als Industriestandort mit Ölwerken, Raffinerien und Werften wurde Harburg im Zweiten Weltkrieg zum bevorzugten Ziel alliierter Bomber. Zwischen 1940 und 1945 führten zahlreiche Luftangriffe zu schweren Zerstörungen in der Innenstadt und den Industrievierteln. Besonders die Ölindustrie am Hafen geriet immer wieder ins Visier.13

Nach 1945 gehörte Harburg, wie ganz Hamburg, zur britischen Besatzungszone. 1949 ordnete das Gesetz über die Bezirksverwaltung Hamburg neu, und 1951 erhielt der Bezirk Harburg seinen bis heute gültigen Zuschnitt. Der Wiederaufbau brachte neue Wohnsiedlungen und die mühsame Sanierung der zerstörten Industrie. Wie sich die Einwohnerschaft seitdem entwickelt hat, zeigt unser Hub zu den Einwohnern in Harburg.14

1978: Die Technische Universität und der Strukturwandel

Der entscheidende Impuls für das moderne Harburg kam aus der Wissenschaft. 1978 wurde die Technische Universität Hamburg-Harburg gegründet, der Lehrbetrieb begann 1982/1983. Ab 1982 entstand der Campus auf neuem Gelände in Harburg, und Schritt für Schritt entwickelte sich ein technisch-wissenschaftliches Profil, das den alten Industriestandort neu ausrichtete.15

Parallel verbesserte sich die Anbindung an die Hamburger Innenstadt. 1983 erreichte die S-Bahn die Station Harburg Rathaus, später folgten weitere Ausbauten. Damit rückte Harburg, lange als ferner Vorort südlich der Elbe empfunden, näher an die Kernstadt heran.16

Vom Reifen zur Forschung

2018 änderte die Hochschule ihren Namen offiziell in Technische Universität Hamburg (TUHH). Mit Ingenieurwissenschaften, Logistik und einem wachsenden Gründerumfeld wurde sie zum Motor des Strukturwandels, der Harburg vom Industrie- zum Wissensstandort umbaute.

Channel Hamburg und der neue Binnenhafen

Das deutlichste Zeichen des Wandels steht im alten Binnenhafen. Ab den 1990er Jahren wurde das brachliegende Hafen- und Industrieareal unter dem Namen Channel Hamburg zu einem Standort für Technologie, Medien und Dienstleistungen entwickelt. Moderne Bürohäuser entstanden, teils hinter erhaltenen Speicher- und Fabrikfassaden. 2003 wurde mit dem rund 75 Meter hohen Channel Tower ein weithin sichtbares Wahrzeichen der neuen Nutzung errichtet.17

Das Harburger Schloss, einst Grenzburg und welfische Residenz, dient heute als kultureller Ort im Binnenhafen. Rundherum mischen sich Wohnen, Gastronomie, Kreativwirtschaft und Wassersport. Wie sich der Wandel auf die Wohnkosten auswirkt, liest du in unserem Mietspiegel für Harburg, harte Zahlen zum Bezirk findest du in der Harburg-Statistik.18

2008 wurde Wilhelmsburg aus dem Bezirk Harburg ausgegliedert und dem Bezirk Hamburg-Mitte zugeschlagen, ein spätes Nachspiel der Fusion von 1927. Der Bezirk Harburg umfasst heute eine Fläche von rund 125 Quadratkilometern und reicht von der dicht bebauten Kernstadt weit hinaus in die Dörfer und Felder der Süderelbe-Region.19

Was bleibt, ist die Lage am Wasser und die alte Doppelrolle: Brückenkopf zwischen der Großstadt im Norden und dem ländlichen Süden. Aus der Sumpfburg an der Grenze ist ein Quartier geworden, das Geschichte, Hafen und Hochschule auf engem Raum bündelt.

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